Zum Inhalt springen

Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD in vier Schritten

Die Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD bestimmt nach dem Prinzip der doppelten Wesentlichkeit in vier Schritten, worüber ein Unternehmen berichtet.

6 Min. LesezeitStand:

Diskussion am Besprechungstisch mit Laptops und Getränken

Die Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD legt fest, über welche Nachhaltigkeitsthemen ein Unternehmen berichtet. Sie folgt dem Prinzip der doppelten Wesentlichkeit und betrachtet sowohl die Auswirkungen des Unternehmens auf Mensch und Umwelt als auch die finanziellen Folgen von Nachhaltigkeitsthemen für das Unternehmen. Dieser Beitrag erläutert den Begriff, die beiden Perspektiven, ein Vorgehen in vier Schritten und die Bedeutung der Ergebnisse für Berichterstattung und Nachhaltigkeitsstrategie.

Das nehmen Sie mit

  • Die Wesentlichkeitsanalyse bestimmt, welche ESG-Themen in den Nachhaltigkeitsbericht gehören.
  • Doppelte Wesentlichkeit verbindet die Inside-out-Perspektive (Impact Materiality) mit der Outside-in-Perspektive (Financial Materiality).
  • Vier Schritte geben Orientierung: Kontext verstehen, IROs identifizieren, wesentliche IROs festlegen, berichten.
  • Die Ergebnisse dienen dem Bericht und fließen in Nachhaltigkeitsziele, Maßnahmen und Nachhaltigkeitsstrategie ein.

Definition und Einführung der Wesentlichkeitsanalyse

Der Begriff Wesentlichkeit im Zusammenhang mit Berichterstattung stammt ursprünglich aus dem Finanzbereich. Organisationen wie das Financial Accounting Standards Board (FASB) oder das International Accounting Standards Board (IASB) bezeichnen Finanzinformationen als wesentlich, wenn ihre Auslassung oder verfälschte Darstellung die Entscheidungen derjenigen beeinflussen könnte, die diese Informationen nutzen. Die CSRD setzt auf diesem Konzept der Wesentlichkeit auf, um die zu berichtenden Informationen abzugrenzen.

Die Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD ist ein Prozess zur Identifikation und Bewertung von Nachhaltigkeitsthemen in den Dimensionen Environmental, Social und Governance (ESG). Die für ein Unternehmen als wesentlich bewerteten ESG-Themen bilden den Inhalt des Berichts. Die Wesentlichkeitsanalyse ist damit die Grundlage der Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Doppelte Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD

Die European Sustainability Reporting Standards (ESRS), die durch die CSRD in der EU als Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung etabliert wurden, verpflichten Unternehmen zur regelmäßigen Durchführung einer Wesentlichkeitsanalyse. Dabei gilt das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit, das zwei Perspektiven unterscheidet.

Die Impact Materiality, auch Inside-out-Perspektive genannt, erfasst die tatsächlichen oder potenziellen Auswirkungen des Unternehmens auf Mensch und Umwelt. Betrachtet werden kurz-, mittel- und langfristige sowie direkte und indirekte Auswirkungen. Nach ESRS 1 gehört dazu neben der eigenen Geschäftstätigkeit auch die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette.

Die Financial Materiality, die Outside-in-Perspektive, erfasst die tatsächlichen oder potenziellen Auswirkungen der Nachhaltigkeitsthemen auf das Unternehmen. Maßgeblich sind die zukünftigen Cashflows und damit der Einfluss auf den Unternehmenswert, ebenfalls kurz-, mittel- und langfristig sowie direkt oder indirekt.

Ziel der doppelten Wesentlichkeitsanalyse ist es, die wesentlichen Auswirkungen, Risiken und Chancen eines Unternehmens zu identifizieren und zu bewerten. Die ESRS sprechen von IROs: Impacts, Risks, Opportunities. Die Analyse führt zu einer Priorisierung der Nachhaltigkeitsthemen. Sie ist außerdem ein wichtiger Input für die Entwicklung von Nachhaltigkeitszielen und Maßnahmen und damit für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie.

Prozess der Wesentlichkeitsanalyse in vier Schritten

Die ESRS geben keinen Prozess vor, wie die Wesentlichkeitsanalyse umzusetzen ist. Unternehmen können einen Ansatz wählen, der zu ihrem Geschäftsmodell und ihren Ansprüchen passt. Dem logischen Aufbau der Standards und der Implementation Guidance der EFRAG zur Wesentlichkeitsanalyse folgend, geben vier Schritte eine erste Orientierung: den Kontext verstehen, tatsächliche und potenzielle IROs identifizieren, wesentliche IROs festlegen und berichten.

Schritt A, den Kontext verstehen, beginnt mit der Analyse der Wertschöpfungskette. Das Unternehmen setzt sich mit seinem Geschäftsmodell und seiner Geschäftstätigkeit auseinander, skizziert die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette seiner Produkte und Dienstleistungen und klärt, welche Auswirkungen die Geschäftstätigkeit auf Mensch und Umwelt hat oder haben könnte. Weitere Quellen für die spätere Identifikation der IROs sind regulatorische Anforderungen, Medienberichterstattung, Nachhaltigkeitstrends und -studien sowie bereits vorliegende Analysen und Auswertungen zur Nachhaltigkeit des Unternehmens.

Eine Stakeholder-Matrix vervollständigt die Analyse der Wertschöpfungskette. Sie zeigt, wer von den Tätigkeiten des Unternehmens und seinen direkten und indirekten Geschäftsbeziehungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette betroffen ist oder betroffen sein könnte.

Schritt B: Tatsächliche und potenzielle IROs identifizieren

Im zweiten Schritt bestimmt das Unternehmen die Auswirkungen, Risiken und Chancen im Zusammenhang mit den Nachhaltigkeitsthemen, die in den ESRS definiert sind. Betrachtet werden die eigenen Tätigkeiten einschließlich der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette. Ebenso wichtig sind weitere Nachhaltigkeitsthemen, die in den Standards möglicherweise nicht enthalten sind, für das Unternehmen aber große Bedeutung haben.

Praktisch handelt es sich um eine Inventarisierung der IROs. Sie stellt sicher, dass keine wesentlichen ESG-Themen unberücksichtigt bleiben, und umfasst den gesamten Handlungs- und Wirkungsbereich des Unternehmens, also auch die Beziehungen zu sämtlichen Stakeholdern der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette. Das Ergebnis von Schritt B ist die „IRO-Long List“ des Unternehmens.

Für das Reporting ist zu jedem IRO offenzulegen, ob es sich auf die Tätigkeiten des Unternehmens oder auf die vor- und nachgelagerte Wertschöpfungskette bezieht. Hinzu kommt eine zeitliche Einordnung als kurz-, mittel- oder langfristig.

Beraterin von transformis moderiert eine große Arbeitsrunde
Beraterin von transformis moderiert eine große Arbeitsrunde

Schritt C: Wesentliche IROs bewerten und festlegen

In diesem Schritt werden die für das Unternehmen wesentlichen Themen bestimmt. Das Ergebnis ist die Wesentlichkeitsmatrix des Unternehmens und damit die Grundlage der Berichterstattung. Um wesentliche von unwesentlichen Nachhaltigkeitsthemen zu unterscheiden, müssen quantitative und qualitative Schwellenwerte definiert werden.

Die Bewertung der Auswirkungen des Unternehmens auf Nachhaltigkeitsaspekte, also der Impact Materiality, folgt den Kriterien aus ESRS 1. Negative Auswirkungen werden nach Ausmaß, Umfang und Unabänderlichkeit bewertet, potenzielle Auswirkungen zusätzlich nach ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit. Bei tatsächlichen positiven Auswirkungen zählen Ausmaß und Umfang, bei potenziellen positiven Auswirkungen außerdem die Wahrscheinlichkeit.

Die Einwirkung der Nachhaltigkeitsaspekte auf das Unternehmen, die Financial Materiality, wird nach ESRS 1 anhand der Eintrittswahrscheinlichkeit und des potenziellen Ausmaßes der finanziellen Auswirkungen bewertet.

Zur Validierung der Ergebnisse gehört es, Ausreißer in der Bewertung zu identifizieren, die unterschiedlichen Perspektiven der Stakeholder im Stakeholder-Dialog in die Bewertung aufzunehmen, eine Relativierungsmethode festzulegen und einen Konsens zu bilden.

Schritt D: Reporting

Im vierten Schritt werden die als wesentlich identifizierten Themen für den Bericht aggregiert und mit Nachhaltigkeitszielen und Maßnahmen in Beziehung gesetzt. Berichtspflichtige Unternehmen berichten kontinuierlich über den Fortschritt der Zielerreichung.

Der gesamte Prozess zur Durchführung der Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD muss transparent, vollständig und nachvollziehbar den Vorgaben der ESRS entsprechen und dokumentiert sein. Erkennbar sein muss, über welchen Bereich der Wertschöpfungskette sich die Wesentlichkeitsanalyse erstreckt, welche Nachhaltigkeitsthemen mit welchem Ansatz oder welcher Methode als wesentlich bewertet wurden und in welcher Form die Stakeholder in den Prozess eingebunden waren.

Wann die doppelte Wesentlichkeitsanalyse Pflicht ist

Mit der CSRD wurde ein verbindlicher europäischer Berichtsstandard eingeführt, die ESRS. Jedes Unternehmen, das unter die CSRD-Berichtspflicht fällt, berichtet nach dem Grundsatz der doppelten Wesentlichkeit. Mit Hilfe der ESRS sollen wesentliche Auswirkungen und wechselseitige Einflüsse zwischen Unternehmen und Umwelt europaweit vergleichbar berichtet werden. Ein Thema aus den Dimensionen ESG gilt als wesentlich, wenn es unter die Financial Materiality, unter die Impact Materiality oder unter beide fällt.

Die EU hat Anwendungsbereich und Zeitplan der CSRD 2025 angepasst. Welche Unternehmen ab wann berichten müssen, ist am aktuellen Rechtsstand zu prüfen.

Interpretation der Wesentlichkeitsmatrix

Die Achsen der Wesentlichkeitsmatrix bilden die Perspektiven Impact Materiality und Financial Materiality in Abstufungen ab. Die in Schritt C festgelegten IROs werden gemäß ihrer Bewertung in der Matrix verortet. Alle Nachhaltigkeitsthemen, die als signifikant und kritisch eingestuft wurden, sind auf Handlungsoptionen zu untersuchen, mit denen sich Potenziale heben oder Risiken reduzieren lassen. Die Themenfelder des mittleren Matrixsegments sollten auf sinnvolle Maßnahmen geprüft, mindestens aber weiter beobachtet werden.

Eine realistische und transparente Beschreibung der Maßnahmen zur Bearbeitung der Nachhaltigkeitsthemen bildet die Grundlage für eine vertrauensvolle Stakeholder-Kommunikation.

Inhaltlich orientiert sich die Analyse an den Nachhaltigkeitsthemen nach ESRS. Die EFRAG hat sich in den Standards auf Hauptthemen in den Bereichen Environment, Social und Governance verständigt, die jeweils weitere Unterthemen enthalten, sogenannte Sub-Themen und teilweise auch Sub-Sub-Themen.

Strategische Bedeutung der Wesentlichkeitsanalyse

Die Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD ist Grundlage der Nachhaltigkeitsberichterstattung und zugleich ein wichtiger Input für die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie. Es empfiehlt sich, ihre regelmäßige Durchführung in die Routinen und Prozesse zu integrieren, mit denen das Unternehmen seine Nachhaltigkeitsstrategie weiterentwickelt und umsetzt.

Die regelmäßige Analyse der Auswirkungen, Risiken und Chancen ist für ein effizientes Management von Risiken relevant. Sie hilft außerdem, Chancen zu nutzen und neue Markt- und Kundensegmente zu erschließen.

Stand: Fachlich verantwortet: Dr. Holger Schallehn, Senior Consultant & Analyst | Leitung Kompetenzteam Nachhaltigkeit

Häufige Fragen

Was ist eine Wesentlichkeitsanalyse nach CSRD?

Sie ist ein Prozess zur Identifikation und Bewertung von Nachhaltigkeitsthemen in den Dimensionen Environmental, Social und Governance. Die als wesentlich bewerteten Themen bilden den Inhalt der Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Was bedeutet doppelte Wesentlichkeit?

Betrachtet werden zwei Perspektiven: die Auswirkungen des Unternehmens auf Mensch und Umwelt (Impact Materiality) und die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsthemen auf das Unternehmen (Financial Materiality). Ein Thema ist wesentlich, wenn es unter eine der beiden oder unter beide fällt.

Wann ist die doppelte Wesentlichkeitsanalyse Pflicht?

Jedes Unternehmen, das unter die CSRD-Berichtspflicht fällt, berichtet nach dem Grundsatz der doppelten Wesentlichkeit. Die ESRS verpflichten diese Unternehmen zur regelmäßigen Durchführung einer Wesentlichkeitsanalyse.

Geben die ESRS einen festen Prozess für die Wesentlichkeitsanalyse vor?

Nein, Unternehmen wählen einen Ansatz, der zu ihrem Geschäftsmodell und ihren Ansprüchen passt. Orientierung geben vier Schritte: Kontext verstehen, IROs identifizieren, wesentliche IROs festlegen und berichten.

Weiterlesen zum Thema