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Operational Excellence: Nutzenstrategie nach Treacy/Wiersema

Operational Excellence als Nutzenstrategie: beste Gesamtkosten, Abgrenzung zu operativer Exzellenz und Kostenführerschaft, Nutzenkriterien und Praxisbeispiel.

Art
Hintergrundinformation
Umfang
13 Kapitel
Lesezeit
19 Minuten
Erschienen
2022
Stand
24. Oktober 2026
Online lesen

Stand: Fachlich verantwortet: Jan-Niclas Bockard, Director | Chief Operating Officer (COO) | Leitung Kompetenzteam Unternehmensstrategie

Nicht alle Kunden wünschen das gleiche Angebot. Treacy/Wiersema leiten aus drei Nutzenerwartungen drei Nutzenstrategien ab, von denen ein Unternehmen eine wählen muss. Die Hintergrundinformation beschreibt die Strategie der Operational Excellence: das Nutzenversprechen der besten Gesamtkosten über den Lebenszyklus, die Merkmale einer darauf ausgerichteten Organisation und die Abgrenzung zur operativen Exzellenz und zu Porters Kostenführerschaft. Mit den acht Nutzenkriterien nach Kaplan/Norton zeigt sie, wie sich ein Wertbeitrag aus Schwellennutzen und Differenzierungskriterien zusammensetzt. Ein Praxisbeispiel aus dem Geschäftsbereich eines Chemieunternehmens macht die Kriterien konkret, eine Übersicht stellt die drei Grundstrategien nebeneinander.

Die Kernaussagen

  • Treacy/Wiersema unterscheiden drei Nutzenerwartungen und leiten daraus drei Nutzenstrategien ab: Operational Excellence, Produktführerschaft und Kundenvertrautheit.
  • Ein Unternehmen kann nicht in allen drei Strategien der Beste sein, muss in den beiden anderen aber den Schwellennutzen bieten.
  • Operational Excellence verspricht die besten Gesamtkosten über den Lebenszyklus, nicht den niedrigsten Anschaffungspreis.
  • Operative Exzellenz senkt die eigenen Kosten und gehört zu jeder Strategie; Operational Excellence ist eine Grundstrategie, die auf die Kosten des Kunden zielt.
  • Anders als die Kostenführerschaft nach Porter können mehrere Unternehmen einer Branche Operational Excellence erfolgreich verfolgen.
  • Ein Wertbeitrag kombiniert Basiskriterien mit Schwellennutzen und bewusst gewählte Differenzierungskriterien; die Einzigartigkeit entsteht aus der Kombination.

Das Konzept der Nutzenstrategien nach Treacy/Wiersema

Das Konzept beruht auf der grundlegenden Prämisse, dass nicht alle Kunden das gleiche Angebot wünschen. Aus Kundensicht gibt es deshalb drei grundsätzliche Ausprägungen von Nutzenerwartungen. Es gibt Kunden, die ihre Kaufentscheidung in erster Linie festmachen am besten Preis-Leistungs-Verhältnis über die gesamte Nutzungsdauer, am besten, innovativsten Produkt oder an der besten Komplettlösung für ihre individuelle Problemstellung.

Treacy/Wiersema empfehlen, jeder dieser Kundengruppen ein auf ihre spezifischen Erwartungen ausgerichtetes Nutzenversprechen (Value Proposition) zu machen und jedes Segment mit der jeweils passenden Nutzenstrategie zu bearbeiten. Aus den drei unterschiedlichen Nutzenerwartungen leiten sich drei Nutzenstrategien ab: Operational Excellence (Operationale Exzellenz), Produktführerschaft (Product Leadership) und Kundenvertrautheit (Customer Intimacy).

Eine Kernaussage von Treacy/Wiersema lautet: Ein Unternehmen kann nicht auf allen drei Gebieten der Beste am Markt sein. Es muss sich für eine dieser drei Positionierungsmöglichkeiten entscheiden und darauf hinarbeiten, in der gewählten Nutzenstrategie einer der besten Anbieter am Markt zu werden oder zu bleiben, um eine starke und nachhaltige Wettbewerbsposition zu erreichen. Versucht ein Unternehmen, alle drei Nutzenerwartungen zu bedienen, gibt es nach Treacy/Wiersema immer Anbieter am Markt, die sich auf eine bestimmte Kundengruppe und die zugehörige Nutzenerwartung konzentrieren und dadurch entscheidende Wettbewerbsvorteile erzielen. Das kann eine Anpassung des bestehenden Kundenportfolios nach sich ziehen.

Eine weitere wesentliche Kernaussage: Ein Unternehmen muss zwar danach streben, in einer Strategie der Beste zu sein, darf die anderen Nutzenerwartungen aber nicht vernachlässigen. In den beiden anderen Nutzendimensionen muss es die Mindesterwartungen der Kunden erfüllen, also einen sogenannten Schwellennutzen bieten. In der Praxis ist die Bestimmung dieses Schwellennutzens eine zentrale Herausforderung, denn er darf weder zu niedrig noch zu hoch angesetzt sein.

Drei Nutzenstrategien nach Treacy/Wiersema
  1. 01Operational Excellence

    „Beste Gesamtkosten“: das beste Preis-Leistungs-Verhältnis über die gesamte Nutzungsdauer.

  2. 02Produktführerschaft

    „Bestes (innovatives) Produkt“: Produkte, die bestehende Leistungsgrenzen überschreiten.

  3. 03Kundenvertrautheit

    „Beste Komplettlösung“: die beste Gesamtlösung für individuelle Problemstellungen.

Operational Excellence: beste Gesamtkosten über den Lebenszyklus

Das Nutzenversprechen an die Zielkunden lautet in dieser Grundstrategie „beste Gesamtkosten über den gesamten Lebenszyklus“. Gemeint ist eine Kombination von Leistungsmerkmalen, die beim Kunden über den gesamten Lebenszyklus, also vom Kauf bis zur Entsorgung oder bis zum Ende der Nutzung, zu den besten Kosten führt. Der Kundennutzen besteht in einem sorgfältig austarierten Preis-Leistungs-Verhältnis über den gesamten Lebenszyklus der angebotenen Leistungen.

Zuverlässigkeit, Handhabbarkeit und Haltbarkeit des Produkts spielen deshalb eine große Rolle. Sie senken die künftigen Folgekosten des Käufers und erhöhen seinen wahrgenommenen Nutzen. Kennzeichnend für das Nutzenversprechen sind eine beständig hohe Qualität, eine exzellente, aber nicht umfassende Produktauswahl sowie ein einfacher und schneller Bezug.

Die besten Gesamtkosten über den Lebenszyklus sind nicht immer gleichbedeutend mit dem niedrigsten Anschaffungspreis. Sie umfassen alle Kosten, die dem Käufer durch Erwerb und Nutzung des Produkts oder der Dienstleistung entstehen, etwa Anschaffungspreis, Wartezeiten, Unannehmlichkeiten durch vorzeitige Reparaturen, Wartungskosten über die Nutzungsdauer und Entsorgungskosten. Das erfordert ein doppeltes Beobachtungsraster: einerseits aus Kundensicht mit Blick auf die besten Gesamtkosten, andererseits aus interner Sicht mit Blick auf die Standardisierbarkeit der eigenen Kernprozesse.

Merkmale einer auf Operational Excellence ausgerichteten Organisation

Die konsequente Festlegung auf eine Geschäftsstrategie (Nutzenstrategie) und die Ausrichtung daran haben entscheidende Folgen für die Organisation. Jede Nutzenstrategie stellt andere Kernprozesse und Kernkompetenzen der Unternehmenstätigkeit in den Mittelpunkt. Die gewählte Nutzenstrategie liefert zudem wesentliche Entscheidungsprämissen für das operative Geschäft, etwa für die Gestaltung der Kernprozesse Produktion und Logistik, Kundenmanagement und Innovation sowie für Personal- und IT-Management. Ist die Strategie hier nicht eindeutig, führt das zu erheblichen Reibungsverlusten in der Organisation, weil ständig Widersprüche bewältigt werden müssen, die enorme Energie binden. Die Wettbewerbsfähigkeit wird dadurch geschwächt.

Welche Merkmale kennzeichnen ein Unternehmen, das auf Operational Excellence ausgerichtet ist, und was bedeutet das für die Organisation? Operational Excellence beschreibt eine strategische Positionierung, die verlangt, dass Produkte und Dienstleistungen über hochgradig standardisierte Prozesse erbracht werden. Nach Treacy/Wiersema sind für die konsequente Umsetzung dieser Strategie die folgenden Merkmale bedeutsam.

Liefer- und Grundserviceprozesse werden ständig optimiert und rationalisiert, die Kosten werden so niedrig wie möglich gehalten, und die Kunden werden so einfach wie möglich bedient. Die Managementsysteme konzentrieren sich auf integrierte, zuverlässige und schnelle Transaktionen und auf die Einhaltung vorgegebener Leistungsmaßstäbe. Die Unternehmenskultur ist darauf angelegt, Verschwendung zu verabscheuen und Effizienz zu belohnen. „Vielfalt tötet Effizienz“ ist hier eine Grundhaltung: Wildwuchs bei Produkten und Dienstleistungen akzeptiert das Management nicht.

Die Mehrheit der Mitarbeitenden verfügt nicht über weitreichende Entscheidungsbefugnisse, da alle wichtigen Prozesse standardisiert sind. Kostensensibilität wird von allen erwartet. Freigeister sind hier in der Breite nicht gefragt. Gebraucht werden Mitarbeitende, die sich an die Prinzipien dieses Geschäftsmodells halten.

Modernste Mess- und Überwachungsverfahren liefern Echtzeitdaten über Qualität, Kosten und die Einhaltung des zugesagten Leistungsumfangs. Das Management erkennt daran stündlich oder täglich, wenn etwas aus dem Ruder läuft, und betreibt ein hocheffizientes Abweichungsmanagement. Der Erfolg wird gesichert durch eine konsequente Auslastung und gegebenenfalls Anpassung vorhandener Kapazitäten und durch die ständige Suche nach Nutzungsmöglichkeiten für die vorhandene Infrastruktur.

Auch für den Service gilt das Motto: die Dinge gleich beim ersten Mal richtig tun, und zwar so, wie es der Standard verlangt. Das operativ exzellente Unternehmen hat den Mut, es dem Kunden nicht in allem recht zu machen.

Organisation unter Operational Excellence
  1. 01Kernprozesse

    Lieferung und Grundservice als durchgängiger Zyklus, aufgebaut auf standardisierten, schnörkellosen Anlagen.

  2. 02Managementsysteme

    Führung über klare Vorgaben und Kontrolle, Vergütung gekoppelt an Kosten und Qualität, Verfolgung der Profitabilität je Transaktion.

  3. 03Kultur

    Disziplinierte Teamarbeit, Prozessorientierung, Konformität und eine „one size fits all“-Haltung.

  4. 04Organisation

    Zentralisierte Funktionen und hohe Kompetenz im Kern der Organisation.

  5. 05Informationstechnologie

    Integrierte, kostengünstige Transaktionssysteme sowie mobile und Fernzugriffstechnologien.

Abgrenzung: Operational Excellence und operative Exzellenz

Die Strategie der Operational Excellence wird häufig mit dem bekannten Begriff der operativen Exzellenz verwechselt, die über Prozessmanagement Effektivität und Effizienz anstrebt. Das ist eine Innensicht. Sie verfolgt das Ziel, die internen Kosten der Leistungserstellung bei gleichbleibendem Qualitätsniveau ständig zu senken, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Ein Unternehmen mit der Strategie der Operational Excellence richtet dagegen nicht alles darauf aus, die eigenen (Produktions-)Kosten zu senken. Es versucht, die Gesamtkosten zu minimieren, die das Produkt beim Kunden über dessen gesamten Wertschöpfungsprozess verursacht. Im Unterschied zur operativen Exzellenz stehen nicht die Kosten des Unternehmens im Mittelpunkt, sondern die Kosten, die beim Kunden entstehen.

Unter Kosten wird dabei nicht nur der Preis eines Produkts verstanden, sondern auch alle weiteren Kosten, die dem Kunden über den gesamten Produktlebenszyklus entstehen, etwa Opportunitätskosten oder Wartungskosten. Betrachtet wird also das gesamte Preis-Leistungs-Verhältnis.

Operational Excellence ist in diesem Modell also eine von drei Grundstrategien, während operative Exzellenz, das Streben nach Kosteneffizienz, in allen drei Strategien verfolgt werden muss. Gleich welche Geschäftsstrategie ein Unternehmen verfolgt: Heute kann es sich niemand leisten, die eigenen Prozesse und Kosten nicht kritisch zu betrachten. Die beiden Begriffe bezeichnen deshalb ganz unterschiedliche Ebenen.

Abgrenzung: Operational Excellence und Kostenführerschaft

Neben der Unterscheidung zwischen Operational Excellence und operativer Exzellenz ist für das Verständnis wichtig, die Nutzenstrategie der Operational Excellence von Porters Wettbewerbsstrategie der Kostenführerschaft abzugrenzen.

Der Kostenführer nach Porter hat in seiner Branche das Potenzial, jeden Wettbewerber im Preis notfalls zu unterbieten und dabei noch angemessene Margen zu erwirtschaften. In diesem Sinne kann nur ein Unternehmen einer Branche die Position des Kostenführers einnehmen. Jedes Unternehmen, das auf die Strategie der Kostenführerschaft setzt, muss deshalb sehr sorgfältig prüfen, ob es angesichts der bestehenden Wettbewerbskonstellation strategisch sinnvoll ist, auf eine solche Position zu setzen. Die Gefahr ständiger Preiskämpfe wächst. Der Kostenführer muss konsequent auf andere Wettbewerbsdimensionen verzichten, etwa auf zusätzliche Serviceangebote. Kostenführerschaft ist nur sinnvoll, wenn die Produkte und Dienstleistungen absolute Commodities sind.

Nach Treacy/Wiersema können dagegen mehrere Unternehmen die Strategie der Operational Excellence erfolgreich verfolgen. Sie erlaubt es einem Unternehmen, sich nicht jedem Preiskampf ausliefern zu müssen, weil es kostenoptimierte Differenzierungsmerkmale kombiniert. Der besondere Kundennutzen rechtfertigt Preisunterschiede nach oben gegenüber dem Kostenführer, der sein Geschäftsmodell mit höheren Preisen zerstören würde. In der Nutzenstrategie der Operational Excellence geht es darum, das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zu erreichen. Ziel sind die besten Gesamtkosten; ein Preiskampf um den niedrigsten Anschaffungspreis wird so vermieden. Ein Kostenführer im Sinne Porters konzentriert sich dagegen auf die besten Kosten und Preise je Einheit zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses.

Die Strategie des Kostenführers richtet sich in erster Linie auf den Wettbewerber, um den Wettbewerbsunterschied in Form niedrigerer Kosten zu definieren. Das Motto des Kostenführers lautet: Wenn nötig, führen wir den Preiskampf, denn wir wissen, dass wir ihn gewinnen. Das operativ exzellente Unternehmen konzentriert sich dagegen in erster Linie darauf, den Kundennutzen im Rahmen der geschäftspolitischen Gegebenheiten einer Branche zu optimieren.

Nutzenkriterien und Value Proposition

Eine Value Proposition ist eine Kombination von Nutzenkriterien, mit der die jeweilige Nutzenstrategie ausgestaltet wird. Ein Nutzenkriterium ist demnach ein Bestandteil der Value Proposition, der aus Sicht des Kunden (Außensicht) die Kaufentscheidung beeinflusst. Jedem Kundensegment, das ein Unternehmen bedienen will, muss es eine im Vergleich zum Wettbewerb einzigartige Value Proposition bieten, also auch im Vergleich zu Wettbewerbern mit derselben Nutzenstrategie.

Robert S. Kaplan und David P. Norton gliedern die Value Proposition in die Kategorien „Produkt- und Leistungsmerkmale“ mit den Nutzenkriterien Funktionalität, Auswahl, Zeit, Qualität und Preis, „Kundenbeziehung“ mit den Nutzenkriterien Service und Beziehung sowie „Image“ mit dem Nutzenkriterium Marke. Nach Kaplan/Norton decken diese acht Nutzenkriterien alle für den Kunden relevanten Aspekte eines Wertbeitrags umfassend ab.

Value Proposition nach Kaplan/Norton
  1. 01Produkt- und Leistungsmerkmale

    Produkt- und Leistungsportfolio (Funktionalität und Auswahl), Zeit, Qualität und Preis.

  2. 02Kundenbeziehung

    Service und Beziehung.

  3. 03Image

    Marke.

Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen auf der Dachterrasse von transformis
Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen auf der Dachterrasse von transformis

Die acht Nutzenkriterien im Einzelnen

Da ein einheitliches Verständnis der Nutzenkriterien für die Definition von Wertbeiträgen unerlässlich ist, werden sie im Folgenden kurz definiert.

Funktionalität bezieht sich auf die spezifischen Eigenschaften der unter Auswahl definierten Produkte oder Dienstleistungen sowie auf die damit verbundenen Anwendungs- und Nutzungsmöglichkeiten. Auch Benutzerfreundlichkeit und leichte Verarbeitbarkeit, die Nutzung neuer oder zusätzlicher Funktionen und die Kompatibilität von Produkten oder ihren Funktionen wirken sich auf die Funktionalität aus.

Auswahl bezeichnet Breite und Tiefe eines Produkt- oder Leistungsangebots (Produktvielfalt), insbesondere das angebotene Spektrum an Produktvarianten, Alternativen, Kombinationen und Abstufungen.

Zeit meint in diesem Zusammenhang die Zeit, die der Kunde benötigt, um das Produkt zu erwerben oder die Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, sowie die Zeit für alle produktbezogenen Leistungen wie Wartung, Reparatur oder Entsorgung. Im Mittelpunkt stehen alle Zeitspannen, die für den Kunden im Rahmen des Kaufvorgangs relevant sind (Zeit bis zur Preisaussage, bis zum Angebot, bis zur Nennung des Liefertermins), bei der Lieferung (Zeit von der Bestellung bis zur Lieferung) und während der Nutzungsdauer des Produkts.

Qualität ist der Grad, in dem ein Produkt oder eine Leistung die Anforderungen und Nutzenerwartungen des Kunden ohne Beeinträchtigungen erfüllt. Beeinträchtigungen sind etwa Ausfallzeiten, Einschränkungen der Funktionalität, schneller Verschleiß, Fehlerquote, Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, Unfreundlichkeit oder mangelndes Einfühlungsvermögen.

Preis ist in diesem Zusammenhang der Anschaffungspreis des Produkts oder der Dienstleistung.

Service bezeichnet hier sowohl den Umfang als auch den Grad der Wertschöpfung produktbegleitender Leistungen. Eine Rolle spielt auch, in welchem Umfang die Leistungen über den gesamten Produktlebenszyklus angeboten werden. Das kann die besondere Leistung einer kundenindividuellen Anpassung von Produkten und Dienstleistungen ebenso sein wie die Anpassung der begleitenden Leistungen selbst.

Beziehung meint die Intensität der Beziehung zwischen dem Unternehmen und seinem Kunden. Sie kann sich in der Dauer, im Grad der Vertrautheit und in der Einbindung des Unternehmens in die Kundenorganisation zeigen.

Marke bezeichnet den Markennamen des Produkts, der Dienstleistung oder des Unternehmens selbst und das, was der Kunde mit dieser Marke verbindet. Eine Rolle spielt zudem, wie stark die Marke die Kaufentscheidung des Kunden beeinflusst.

Auswahl, Funktionalität und Service voneinander abgrenzen

Aufwände, die nötig sind, um eine bestimmte Funktionalität oder Auswahl anzubieten, sind in diesem Modell kein Service. Ein Beispiel macht das deutlich: Erfüllt ein Chemieunternehmen als Lieferant den Wunsch eines Automobilherstellers nach einem bestimmten Grauton, der derzeit nicht im Sortiment ist, betrifft das die Auswahl, genauer die Feinheit der Abstufungen zwischen zwei Farbtönen. Je mehr Abstufungen angeboten werden, desto größer ist die Auswahl. Der dafür nötige Aufwand gehört in der Strategie der Operational Excellence nicht zum Nutzenkriterium Service.

Es ist deshalb immer zu prüfen, ob sich die Nutzenversprechen bei Funktionalität und Auswahl unter Berücksichtigung der Grundstrategie realisieren lassen oder ob der daraus entstehende Aufwand der Grundstrategie widerspricht. Die Frage für Operational Excellence lautet dann: Lässt sich eine sehr große Feinheit der Abstufungen überhaupt standardisieren?

Services sind demnach immer produktbegleitende Leistungen, die zu Funktionalität und Auswahl hinzukommen. Es sind Leistungen, die der Kunde vor, während und nach der Kaufentscheidung in Anspruch nehmen kann und die nichts damit zu tun haben, die Funktionalität oder Auswahl der verkauften Produkte und Leistungen sicherzustellen.

Wann gehört eine Dienstleistung zur Auswahl?

Eine Dienstleistung ist immer dann der Auswahl zuzuordnen, also dem Bereich der Produkt- und Leistungsmerkmale, wenn sie als Dienstleistung „verkauft“ wird und separat abgerechnet werden kann. Eine Dienstleistung ist immer dann eine eigenständige Leistung, wenn durch sie keine Veränderungen an den verkauften Produkten vorgenommen werden.

Ein Wartungsvertrag für Aufzüge ist zum Beispiel ein Produkt, das sich standardisiert abwickeln und verkaufen lässt. Zweck des Wartungsvertrags ist nicht, die Eigenschaften des Aufzugs zu verändern, sondern sicherzustellen, dass der Aufzug weiterhin einwandfrei funktioniert. Theoretisch lässt sich ein solcher Wartungsvertrag auch ohne Verkauf eines Aufzugs verkaufen, etwa wenn ein Aufzug bereits vorhanden ist und der Kunde jemanden sucht, der ihn regelmäßig wartet. Diese Dienstleistung ist also unabhängig von den übrigen Produkten im Portfolio; es besteht keine wechselseitige Abhängigkeit.

Wann gehört eine Dienstleistung zum Service?

Eine Dienstleistung ist dem Service zuzuordnen, wenn für den Kunden gezielt Arbeiten am verkauften Produkt ausgeführt werden; diese Art von Dienstleistung ist also produktbegleitend. Sobald sich die Dienstleistung auf die Produkt- und Leistungsmerkmale auswirkt, weil diese kundenindividuell angepasst, verändert oder weiterentwickelt werden, gehört sie in den Bereich der Kundenbeziehung. Verlangt ein Kundensegment eine solche Leistung mit Schwerpunkt auf individueller Anpassung, ist das in der Regel ein Hinweis darauf, dass das Segment mit der Grundstrategie der Kundenvertrautheit bedient werden sollte. Dort ist es auch möglich und notwendig, sich über den Service zu differenzieren.

Diese produktbegleitenden Leistungen sind in der Regel im Kaufpreis des jeweiligen Produkts enthalten. Das Produkt wird dadurch unter Umständen teurer oder lässt sich nicht ohne zusätzlichen Aufwand herstellen. Das wichtigste Merkmal für die Zuordnung zum Service ist, dass die Leistung das Produkt begleitet: Das Produkt kann nicht ohne die Leistung verkauft werden und die Leistung nicht ohne das Produkt. Diese Art von Leistung ist im Preis enthalten und Teil des Produkts.

Zum Service gehören bei Operational Excellence auch weitere produktbezogene Leistungen wie Bestell- und Änderungsmöglichkeiten (online, telefonisch, schriftlich) oder die Standard-Produktberatung, die nötig ist, um das Produkt überhaupt nutzen zu können. Für diese Art von Leistung ist bei der Strategie der Operational Excellence ein Schwellennutzen festzulegen (vgl. Peterhänsel/Sedlák 2019, S. 8 f.).

Der Wertbeitrag: Schwellennutzen und Differenzierung

Verbindet man das Konzept von Treacy/Wiersema mit der Definition des Wertbeitrags nach Kaplan/Norton, ergibt sich für jede der drei Nutzenstrategien ein eigenes Bild davon, in welchen Nutzenkriterien differenziert wird und in welchen ein Schwellennutzen genügt.

In allen Nutzenstrategien müssen die Wertbeiträge in allen Nutzenkriterien einen bestimmten Schwellennutzen erfüllen (Basiskriterien), der sich aus den Mindestanforderungen des jeweiligen Kundensegments ableitet. Ein Schwellennutzen ist immer der Mindestwert, den der Kunde erwartet. Wird ein Schwellennutzen unterschritten, zieht der Kunde den Kauf des Produkts oder die Inanspruchnahme der Leistung nicht mehr in Betracht.

Darüber hinaus kann sich ein Unternehmen über bestimmte Nutzenkriterien differenzieren und seinen Wertbeitrag so individuell gestalten. Welche Kriterien sich zur Differenzierung eignen, unterscheidet sich jedoch zwischen den drei Nutzenstrategien. Ein Wertbeitrag setzt sich demnach zusammen aus Basiskriterien, in denen der Schwellennutzen geboten wird, und Differenzierungskriterien, in denen eine individuelle Differenzierung möglich ist.

Der Schwellennutzen kann je nach den branchenüblichen Mindestanforderungen unterschiedlich hoch ausfallen. Schwellennutzen bedeutet in diesem Konzept auch, dass die Kaufentscheidung nicht über die dort zugeordneten Nutzenkriterien fällt. Den mit dem Schwellennutzen verbundenen Nutzen setzt der Kunde als selbstverständlich voraus; ein Unternehmen kann sich darüber folglich nicht vom Wettbewerb abheben. Wie bereits erläutert, kommt es darauf an, den Schwellennutzen weder zu hoch noch zu niedrig anzusetzen.

Wertbeitrag in den drei Nutzenstrategien
  1. 01Operational Excellence

    Differenzierung über Portfolio (Funktionalität und Auswahl), Zeit, Qualität, Preis und Marke: Zeit, Qualität, Auswahl und Funktionalität in Schlüsselkategorien zu unschlagbaren Preisen, Markenbild „Smart Shopper“. Schwellennutzen bei Service und Beziehung.

  2. 02Produktführerschaft

    Differenzierung über Portfolio, Zeit, Qualität und Marke: einzigartige Produkte und Leistungen, Markenbild „bestes Produkt“. Schwellennutzen bei Preis, Service und Beziehung.

  3. 03Kundenvertrautheit

    Differenzierung über Service, Beziehung und Marke: maßgeschneiderte Leistungen, die dem Kunden Mehrwert bringen und eine langfristige Beziehung schaffen, Markenbild „Vertrautheit“. Schwellennutzen bei Portfolio, Zeit, Qualität und Preis.

Praxisbeispiel: Nutzenkriterien für einen Geschäftsbereich

Das folgende Beispiel stammt aus einem internationalen Projekt mit dem Geschäftsbereich eines Chemieunternehmens, der sich auf Operational Excellence ausrichtet. In zwei Workshops hat sich das Führungsteam des Geschäftsbereichs intensiv mit der Frage befasst, wie sich die acht Nutzenkriterien für den Geschäftsbereich definieren lassen. Die Ergebnisse sind im Folgenden zusammengefasst.

Funktionalität

Wir bieten eine Produktspezifikation nach dem Prinzip „one size fits most“ an und legen dafür einen engen Zielrahmen für Breite und Anzahl der Spezifikationsgrenzen fest. Wir definieren die Spezifikationsgrenzen so weit wie möglich, um mit einer begrenzten Zahl von Produkten möglichst viele Kundenanforderungen abzudecken. Produkte älterer Generationen nehmen wir aktiv vom Markt. Kundenspezifische Produktspezifikationen sowie die Auswahl von Chargen und Produktionsstandorten durch den Kunden akzeptieren wir nicht mehr.

Auswahl

Wir bieten unseren Kunden ein attraktives Portfolio auf Basis einer begrenzten Zahl von Standardprodukten, die volumenstarke Märkte abdecken. Für unsere zentralen Produktlinien bieten wir nur ein definiertes Sortiment an Standardprodukten an. Wir reduzieren die Zahl der angebotenen Sorten und damit die Komplexität des Portfolios.

Wir steuern unser Produktportfolio aktiv: Produktentwicklung orientiert sich an Markttrends, Produkte müssen ein Mindestvolumen erreichen und wirtschaftlich tragfähig sein (nur mit Business Case und Volumenpotenzial), Produkte werden nach Regeln gelistet und ausgelistet. Wir treiben die Konsolidierung aller Produkte voran, etwa durch harmonisierte Spezifikationen, und nutzen aktiv Möglichkeiten, das Portfolio über Koproduzenten- und Tauschvereinbarungen zu vereinfachen. Geringfügige Unterschiede zwischen den Standorten harmonisieren und konsolidieren wir, einschließlich besserer Transparenz.

Wir differenzieren uns über eine „standardisierte“ Front-End-Differenzierung, etwa über Farbe, Additive und gegebenenfalls Service. Nischenprodukte nehmen wir auch bei hoher Marge nicht an. Wir bieten beim Kunden eine wahrgenommene Differenzierung für unsere wesentlichen Produktgruppen auf Basis eines Standard-Baukastens, der auf standardisierten internen Prozessen beruht.

Zeit

Wir bieten wettbewerbsfähige Zeiten und stellen sicher, dass wir unsere Zusagen immer einhalten. Auf Kundenanfragen reagieren wir in festgelegten Zeitfenstern. Bei bestätigten Zusagen zu Lieferung, Preis, Anfragen, Reklamationen und technischen Anfragen sind wir verlässlich, dank besserer Prognosen, disziplinierter Produktionsplanung, schlanker Prozesse, gleichmäßigerer Durchlaufzeiten und hoher Anlagenverfügbarkeit. Wir arbeiten nach dem Grundsatz „right first time“.

Ausnahmen von den Standardverfahren lassen wir nicht zu. Das gilt etwa für kurzfristige Auftragsänderungen in festgelegten Zeitzonen (eingefrorene Zone bei Fertigung auf Prognose, Rohstoffeinkauf bei Auftragsfertigung), für geänderte Prioritäten, die den gesamten Betriebsablauf stören, und für Entwicklungsanfragen mit einer Amortisationszeit von mehr als zwei Jahren ab Verkaufsstart und Margen unter dem Zielwert; ausgenommen sind zentrale Wachstumsprojekte.

Qualität (Produkt- und Servicequalität)

Wir bieten „nur“ den globalen Industriestandard mit höchster Gleichmäßigkeit, unabhängig von der Bezugsquelle, und setzen dafür auf Standardprozesse und Best Practices. Künftige Qualitätsanforderungen des Marktes bewerten wir vorausschauend, umgesetzt wird nach Marktbedarf und nicht vorab. Wir bieten gleichbleibende Qualität von Charge zu Charge und ein Qualitätsniveau unabhängig von Standort und Region.

Wir folgen Markttrends und investieren in Qualität nur zugunsten zentraler Wachstumsprojekte. Den globalen Industriestandard erreichen wir durch gezielte Anlageninvestitionen, ausgefeilte Prozesssteuerung und vorausschauendes, marktorientiertes Benchmarking. Wir liefern nicht über unsere eigenen Fähigkeiten hinaus und passen die Qualität nicht für einzelne Kunden an, auch nicht, wenn ein Kunde dafür zahlen will oder droht, die Geschäftsbeziehung zu beenden. Ein steigendes Qualitätsniveau setzen wir nicht als Wettbewerbsvorteil ein.

Preis

Wir bieten wettbewerbsfähige Preise auf Höhe des Industriestandards mit einem begrenzten Preiskatalog für Leistungen als Basis für alle Kunden. Unsere Preis- und Leistungspakete stellen wir ständig auf den Prüfstand. Wir bauen unsere Fähigkeit aus, die jeweilige Angebots- und Nachfragesituation zu verstehen, und maximieren die Margen entsprechend der Marktlage.

Preise passen wir kurzfristig an die Marktlage an, in knappen Märkten etwa sehr schnell (monatlich), und akzeptieren keine langfristigen Festpreise. In Märkten mit Überangebot reduzieren wir die Produktion, um die Preise zu stabilisieren. Sonderpreisklauseln wie Meistbegünstigungsklauseln akzeptieren wir nicht, ebenso wenig Geschäfte unterhalb festgelegter Grenzen oder Leistungen außerhalb unseres Angebotskatalogs.

Service (Lieferservice und technischer Service)

Der Einfachheit halber unterscheiden wir zwischen Lieferservice und technischem Service. Wir bieten beim Kunden eine „wahrgenommene Differenzierung“ auf Basis eines Standard-Baukastens, der auf standardisierten internen Prozessen beruht (Front-End-Differenzierung).

Beim Lieferservice bieten wir ein Standardpaket auf Basis geringstmöglicher Kosten, hoher Zuverlässigkeit, angemessener Verfügbarkeit, unabhängig vom Standort, mit disziplinierten automatisierten Prozessen und möglichst wenigen Schnittstellen. Das Standardpaket umfasst Mindestbestellmenge, Zahlungsbedingungen, Verpackungsformen, Lieferzeit, Liefertreue (OTIF), Auftragserfassungssystem, Auftragsänderungen bis x Tage vor Lieferung (eingefrorene Zonen) und Incoterms. Für die Zusage von Lieferterminen führen wir einen einheitlichen Standard ein. Berechtigte Reklamationen bearbeiten wir für Kunden und Unternehmen effizient und wirksam und stellen sicher, dass sie sich nicht wiederholen. Service auf Ausnahmebasis bieten wir nur einer begrenzten Zahl von Kunden auf einer „Ausnahmeliste“, die hohes Volumen, hohe Marge oder strategischen Wert aufweisen und vom Führungsteam des Geschäftsbereichs freigegeben sind.

Beim technischen Service bieten wir ein Grundpaket standardisierter Leistungen: Reklamationsmanagement, Produktempfehlung (Kundenberatung) und technische Informationen (technische Vertriebsinstrumente). Wir konzentrieren uns auf neue Prioritäten und erbringen technischen Service für unsere zentralen Wachstumsprojekte. Alle anderen technischen Leistungen erbringen wir nur nach einem Modell maßgeschneiderter Leistungen und oberhalb einer Mindestschwelle, etwa Farbabstimmung, Produktentwicklung, Anwendungsentwicklung, Füllanalysen (Mold Flow), Bauteil- und Werkzeugkonstruktion oder die Entwicklung von Verarbeitungstechnologien. Für alle Leistungen gilt dieselbe standardisierte Prozessdisziplin. Wir verabschieden uns von der Mentalität „wir können alles“.

Beziehung

Wir pflegen einen professionellen und verlässlichen Kontakt zu unseren Kunden über mehrere effiziente, strukturierte und regelbasierte Kommunikationswege nach Branchenpraxis, vom Internet über persönliche Besuche bis zum Key Account Management. Unsere Ressourcen steuern wir sorgfältig im Hinblick auf Zuständigkeiten (etwa klar definierte Key Accounts) sowie Häufigkeit und Inhalt der Kundenkontakte. Auch für Kunden, die keine Key Accounts sind, legen wir die Vertriebskanäle klar fest. Kontakte zu einem Kunden ohne klares Ziel und ohne Vorbereitung lassen wir nicht zu; Vorbereitung und Besuchsbericht werden im CRM-System dokumentiert.

Image

Der Kunde soll uns als den Lieferanten mit dem besten verfügbaren Preis-Leistungs-Verhältnis für seine Produkt- und Leistungspakete wahrnehmen. Wir wollen als globaler, verlässlicher und sachkundiger Lieferant gelten, der auf Basis standardisierter Produkt- und Leistungsangebote mit der Fähigkeit zur Front-End-Differenzierung in bestimmten Bereichen innovativ ist. Für ausgewählte Projekte zu Megatrends, die zu Wohlstand und Nachhaltigkeit der Gesellschaft beitragen, wollen wir als bevorzugter Partner für die Lösungsentwicklung gelten: Gewichtsreduktion und Massentransport einschließlich Automobilverglasung sowie elektronische Anwendungen, Energieeinsparung bei Beleuchtung und Solaranwendungen, Sicherheit und Schutz in der Architekturverglasung.

Nicht wahrgenommen werden wollen wir als Problemlöser für alles, nicht mehr als breiter Innovator der gesamten Branche und nicht als Anbieter mit schlechtem Preis-Leistungs-Verhältnis (Hochpreisanbieter).

Differenzierungsmöglichkeiten unter Operational Excellence

Unternehmen mit der Strategie der Operational Excellence können sich über die Kriterien Preis, Qualität, Zeit, Auswahl und Funktionalität differenzieren. In diesen Kriterien kann also mehr als der Schwellennutzen geboten werden, solange die Nutzenstrategie der Operational Excellence dadurch nicht beeinträchtigt wird. Ein weiteres Kriterium, das sich über die Produkt- und Leistungsmerkmale hinaus zur Differenzierung nutzen lässt, ist die Marke.

Zu beachten ist allerdings, dass ein Unternehmen nicht in allen möglichen Differenzierungskriterien die höchste Leistung erreichen kann. Es kann und muss bewusst entscheiden, welches Kriterium es in welchem Umfang zur Differenzierung nutzt. Diese Entscheidungen sollten sich an den Bedürfnissen und Wünschen des jeweiligen Kundensegments orientieren.

Wichtig ist auch zu verstehen, dass sich die Differenzierung vom Wettbewerb nicht steuern lässt, indem man einzelne Nutzenkriterien isoliert betrachtet. Die Einzigartigkeit des Wertbeitrags ergibt sich aus der Kombination unterschiedlicher Ausprägungen der Differenzierungskriterien und der Einhaltung der Schwellennutzen. Im Praxisbeispiel führte das zu einem Wertbeitrag, der sich vor allem über Marke und Preis differenziert, in Auswahl und Zeit moderat über den Schwellennutzen hinausgeht und in Qualität, Service und Beziehung den Schwellennutzen bietet.

Ergebnis aus dem Praxisbeispiel: Differenzierungsgrad je Nutzenkriterium
  1. 01Marke

    Maximale Differenzierung.

  2. 02Preis

    Starke Differenzierung.

  3. 03Produkt- und Leistungsportfolio

    Funktionalität und Auswahl: moderate Differenzierung über den Schwellennutzen hinaus.

  4. 04Zeit

    Leichte Differenzierung über den Schwellennutzen hinaus.

  5. 05Qualität, Service, Beziehung

    Schwellennutzen.

Die drei Grundstrategien im Überblick

Die folgenden Übersichten fassen die wesentlichen Aspekte der drei Grundstrategien auf Basis von Kaplan/Norton (2004) und Treacy/Wiersema (1996) zusammen. Sie folgen der Logik einer Strategy Map: Aus den quantitativen strategischen Zielen, die mit der Positionierung erreicht werden sollen, folgen das Nutzenversprechen aus Kundensicht, der Kernprozess und die „Enabler“ Mitarbeitende, Organisation, IT und Kultur.

Bei Operational Excellence lautet das Nutzenversprechen „beste Gesamtkosten über den Lebenszyklus“ mit günstigem Preis, hoher Verfügbarkeit, gleichbleibender Qualität und angemessener Auswahl; Kernprozess sind Produktion und Logistik. Bei der Produktführerschaft lautet es „bestes Produkt, das bestehende Leistungsgrenzen überschreitet“; Kernprozess sind Innovation und Vermarktung. Bei der Kundenvertrautheit lautet es „beste individuelle Komplettlösung“; Kernprozess ist das Kundenbeziehungsmanagement.

Operational Excellence: wesentliche Aspekte
  1. 01Nutzenversprechen

    Beste Gesamtkosten über den Lebenszyklus: günstiger Preis, hohe Verfügbarkeit, gleichbleibende Qualität, angemessene Auswahl.

  2. 02Kernprozess: Produktion und Logistik

    Beziehungen zu Lieferanten, hocheffiziente Produktions- und Logistikprozesse, die kostengünstigsten Prozesse der Branche, Standardisierung und kontinuierliche Optimierung, kurze Durchlaufzeiten, Wertstrommanagement.

  3. 03Mitarbeitende

    Standards schaffen und einhalten, zuverlässige Mitarbeitende, die sich an die Spielregeln halten; Freigeister sind in der Breite nicht gefragt; Kostensensibilität wird von allen erwartet; die wichtigsten Prozesse sind standardisiert; keine weitreichenden Entscheidungsbefugnisse.

  4. 04Organisation

    Zentralisierte Funktionsbereiche, ausgeprägte Kompetenzen in den Kernbereichen der Organisation.

  5. 05IT

    Integrierte, kostengünstige Transaktionssysteme, mobile und Fernzugriffstechnologien.

  6. 06Kultur

    Disziplinierte Teamarbeit, Prozessorientierung, Konsistenz, „one size fits all“-Mentalität.

Produktführerschaft: wesentliche Aspekte
  1. 01Nutzenversprechen

    Bestes Produkt, das bestehende Leistungsgrenzen überschreitet: als Erster am Markt, innovatives Produkt, exzellente Qualität, einzigartige Funktionalität.

  2. 02Kernprozess: Innovation und Vermarktung

    Den Entwicklungsprozess von hinten nach vorn gestalten und optimieren, den richtigen Zeitpunkt für Markteinführungen wählen, Technologie im Vordergrund, Markteinführungen spektakulär gestalten, den Lebenszyklus bestehender Produkte verlängern und zugleich die nächste Generation entwickeln.

  3. 03Mitarbeitende

    Menschen mit herausragenden Talenten und dem Ehrgeiz, unkonventionelle Lösungen zu suchen; talentierte Mitarbeitende sind der wichtigste Erfolgsfaktor.

  4. 04Organisation

    Ad hoc, organisch, vernetzt; ausgeprägte, reichlich vorhandene Fähigkeiten in lose gekoppelte Strukturen einbinden; Mitarbeitende sind nicht an feste Strukturen gebunden.

  5. 05IT

    Systeme für die Kommunikation von Mensch zu Mensch, Technologien, die Zusammenarbeit und Wissensmanagement ermöglichen.

  6. 06Kultur

    Zukunftsorientiertes Denken, Experimentierfreude, „Out of the box“-Mentalität, angreifen, riskieren und gewinnen.

Kundenvertrautheit: wesentliche Aspekte
  1. 01Nutzenversprechen

    Beste individuelle Komplettlösung: Anliegen und Bedarfe erkennen, maßgeschneiderte Produkte und Leistungen, dauerhafte, vertrauensvolle Kundenbeziehungen, außergewöhnlicher Service.

  2. 02Kernprozess: Kundenbeziehungsmanagement

    Lösungsentwicklung von der Bedarfserkennung bis zum Ergebnismanagement, Leistungen auf kundenspezifische Bedarfe abstimmen, Produkte auf sehr spezifische Kundenbedarfe zuschneiden, in potenzialträchtige Kundenbeziehungen investieren, ein virtuelles Netzwerk von Produkt- und Leistungskompetenzen steuern, ungenutzte Potenziale beim Kunden erkennen, um Nutzen zu bieten; stetiger Fortschritt ist Voraussetzung für den kontinuierlichen Ausbau der Geschäftsbeziehung.

  3. 03Mitarbeitende

    Talentierte Mitarbeitende finden, integrieren und langfristig halten; besonders gefragt sind Mitarbeitende mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, Veränderungen im Kundenunternehmen umzusetzen.

  4. 04Organisation

    Unternehmerisch denkende Kundenteams, ausgeprägte Kompetenzen im jeweiligen Bereich, Entscheidungsbefugnisse sind an Mitarbeitende mit direktem Kundenkontakt delegiert.

  5. 05IT

    Kundendatenbanken, die interne und externe Informationen zusammenführen, Basiswissen auf Grundlage von Expertise.

  6. 06Kultur

    Kunden- und Umfeldorientierung, Variation: „The way you want it“-Mentalität.

Literatur

Kaplan, Robert S.; Norton, David P. (2001): Die strategiefokussierte Organisation – Führen mit der Balanced Scorecard, Stuttgart.

Kaplan, Robert S.; Norton, David P. (2004): Strategy Maps – Der Weg von immateriellen Werten zum materiellen Erfolg, Stuttgart.

Peterhänsel, Markus; Sedlák, Robert A. (2019): Innovative Kundensegmentierung und Value Proposition, Ahrensburg.

Treacy, Michael; Wiersema, Fred (1996): The Discipline of Market Leaders, New York.

Häufige Fragen

Was bedeutet Operational Excellence nach Treacy/Wiersema?

Operational Excellence ist eine der drei Nutzenstrategien von Treacy/Wiersema. Sie verspricht Kunden die besten Gesamtkosten über den gesamten Lebenszyklus einer Leistung, also eine Kombination von Leistungsmerkmalen, die vom Kauf bis zur Entsorgung zu den besten Kosten beim Kunden führt. Voraussetzung sind hochgradig standardisierte Prozesse.

Worin unterscheidet sich Operational Excellence von operativer Exzellenz?

Operative Exzellenz ist eine Innensicht: Sie senkt über Prozessmanagement die eigenen Kosten bei gleichbleibender Qualität und gehört zu jeder Strategie. Operational Excellence ist dagegen eine Grundstrategie, die sich an den Kosten orientiert, die beim Kunden über den gesamten Produktlebenszyklus entstehen.

Ist Operational Excellence dasselbe wie Kostenführerschaft?

Nein. Kostenführer nach Porter kann in einer Branche nur ein Unternehmen sein; es zielt auf die niedrigsten Kosten und Preise je Einheit beim Geschäftsabschluss und muss Preiskämpfe führen können. Operational Excellence können mehrere Unternehmen verfolgen. Sie zielt auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und die besten Gesamtkosten und rechtfertigt so höhere Preise als die des Kostenführers.

Was ist ein Schwellennutzen?

Der Schwellennutzen ist der Mindestwert, den ein Kunde in einem Nutzenkriterium erwartet. Wird er unterschritten, kommt ein Kauf nicht mehr in Frage; wird er erfüllt, setzt der Kunde ihn als selbstverständlich voraus, sodass sich ein Unternehmen darüber nicht differenzieren kann. Er darf weder zu hoch noch zu niedrig angesetzt werden.

In welchen Nutzenkriterien kann sich ein Unternehmen mit Operational Excellence differenzieren?

In Preis, Qualität, Zeit, Auswahl und Funktionalität sowie über die Marke, solange die Standardisierung nicht leidet. Bei Service und Beziehung genügt der Schwellennutzen. Ein Unternehmen muss bewusst entscheiden, welche Kriterien es in welchem Umfang nutzt; die Einzigartigkeit entsteht aus der Kombination.

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